Erschienen in Password (2012) 06, S. 35.
Informationswissenschaft und die Zukunft der Bibliotheken
Von Karsten Schuldt, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur
Organisiert von Mitarbeitern des Schweizerischen Instituts für Informationswissenschaft und anderen Aktiven des deutschsprachigen Bibliothekswesens findet am 07. und 08. September 2012 an der HTW Chur die Unkonferenz „Infocamp 2012 – Future Libraries“ statt.1 Unkonferenzen – bei denen alle Anwesenden als Expertinnen und Experten verstanden werden, welche gemeinsam vor Ort die Workshopthemen festlegen und diese anschliessend motiviert durchführen – haben sich in den letzten Jahren im Bibliothekswesen als Veranstaltungs- und Weiterbildungsaktivitäten etabliert.2 Ausser dem Fakt, dass dies die erste Veranstaltung dieser Art in Chur sein wird, gibt es weitere Gründe für das Infocamp.
Als Hauptthema wurde der informationswissenschaftliche Fokus auf die zukünftigen Entwicklungen in Bibliotheken gewählt. Einerseits ist es unbestritten, dass sich Bibliotheken mit informationswissenschaftlichen Thematiken befassen müssten: Die Medien werden zunehmend elektronisch, Kataloge werden – auch unterstützt durch das kommende Regelwerk RDA und dessen theoretischer Grundlage Functional Requirements for Bibliographic Records – immer mehr als Metadatensammlungen verstanden und behandelt. In diesem Zusammenhang werden Open Linked Library Data und die Nutzung von Bibliotheksdaten im Semantic Web relevant. Nicht erst die diesjährige Bielefeld Conference behandelte die Fragen des Forschungsdatenmanagements. Hinzu kommt eine weitere Annäherung der Bereiche Bibliothek, Archiv und Dokumentation, die scheinbar immer ähnlichere Aufgaben wahrnehmen. Zu erinnern sei nur an die Einbindung von Artikeln in Bibliothekskataloge oder digitaler Bibliotheken wie der Europeana, welche Sammlungen dieser Institutionen sowie Museen und Galerie zusammenführt. Dies bezieht sich nicht nur auf Wissenschaftliche Bibliotheken. Auch Öffentliche Bibliotheken setzen sich aktiv mit den Folgen der zunehmenden Medienkonvergenz auseinander. Insbesondere, wenn man die Informationswissenschaft als eine Forschungsrichtung versteht, welche sich auch mit der gesellschaftlichen und individuellen Nutzung von Information (inklusive ihrer Produktion) beschäftigt, ist die Verbindung von informationswissenschaftlichen Fragestellungen und bibliothekarischer Praxis offensichtlich.
Anderseits wird diese Verbindung selten aktiv vollzogen. Zwar ist an verschiedenen Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen der Informationswissenschaft heute die Bibliothekswissenschaft zugeordnet, es ist aber nicht immer ersichtlich, welchen Effekt dies hat. Welche Fragestellungen zur Nutzung und Distribution von Informationen werden im bibliothekarischen Alltag gestellt? Welche von der Informationswissenschaft bearbeitet? Welches Handlungswissen können Bibliotheken für ihre Arbeit und vor allem ihre Strategieentwicklung aus der informationswissenschaftlichen Forschung ziehen? Zu einem gewissen Teil scheinen Informationswissenschaft und Bibliotheken nebeneinander zu stehen, ohne dass sich die beiden Bereiche wirklich wahrnehmen.
Das Infocamp möchte deshalb beide Bereiche auf gleicher Augenhöhe zusammenbringen. Weder soll die Informationswissenschaft Handlungsanweisungen für die Bibliotheken formulieren, noch sollen die Bibliotheken die zu behandelnden Forschungsfragen vorgeben. Es geht um ein gemeinsames Informieren über die eigenen Forschungs- und Arbeitsfelder, welches im Endeffekt die Netzwerke zwischen Bibliotheken und Informationswissenschaft im deutschsprachigen Raum verstärken soll. Über das Infocamp hinaus muss sich eine Debatte zwischen den beiden Bereichen etablieren, wenn nicht weiterhin relevantes Wissen und Handeln ungenutzt nebeneinander produziert werden soll.
2 Zum Beispiel die BibCamps, die frei<tag> 2011 und 2012, Cycling for Libraries 2011, die Unkonferenzen im Umfeld grösserer bibliothekarischer Konferenzen. Siehe auch: Landis, Cliff (2010). Library Camps and Unconferences (The tech set ; 8). London : Facet Publishing, der neben Vorschlägen zur Organisation von Unkonferenzen vor allem auf die Weiterbildungsfunktion eingeht.