#newLIS: Wie soll es weitergehen?

Dörte Böhner befürchtete kürzlich, die unter dem Kürzel #newLIS geführte Diskussion um ein Open Access Journal für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sei zum Erliegen gekommen. Ich denke (und hoffe), dem ist nicht so. Gegen Dörte Böhners wohl etwas provokative Einschätzung spricht unter anderem, dass zum Beispiel anlässlich des frei<tag> 2012 am 17. August in Potsdam über das Projekt diskutiert wird. Und auch das am 07. und 08. September in Chur stattfindende infocamp  wird sich diesem Thema widmen, nicht zuletzt da sich einige der Organisatoren rege am lebhaften Austausch über ein solches neues Journal beteiligten. Ganz sicher aber hat sie recht damit, dass die Beiträge zum Thema #newLIS via Twitter und auch im von ihr selbst eigens eingerichteten Wiki (dessen Besuch und aktive Mitgestaltung ich allen Interessierten sehr ans Herz lege) an Häufigkeit nachließen. Allerdings interpretiere ich die nachlassende Onlineaktivität als Bedarf nach direktem Offline-Austausch: Die Ideen wurden online und in rascher Folge skizziert und stehen immer noch zur Weiterbearbeitung offen, aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die doch teils divergierenden Ideen von Journalkonzept und Umsetzung konkreter auszuarbeiten – und dazu empfehlen sich Unkonferenzen à la infocamp.

Ich möchte ich einige Punkte hervorheben, die man meiner Meinung nach, wenn man ein Open Access Journal für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft  angehen will, klären muss. Ich greife dazu teils auf die im genannten Wiki gesammelten Beiträge und den in einem Etherpad protokollierten Austausch zurück.

Als Manko der bisherigen Diskussionen zeichnet sich aus meiner Sicht ab, dass sehr viele, interessante Ideen zu technischer Umsetzung, Qualitätssicherung und -messung (z.B. via Social Media Impact) beigetragen wurden, die allerdings eher nachrangig sind solange man sich nicht  auf andere Punkte verständigt hat. Womit wir schon bei der ersten Frage sind: Wer ist „sich“?

Verantwortlichkeiten

Wer wird die konkrete Umsetzung eines #newLIS-Journals vorantreiben? Werden sich überhaupt KollegInnen finden, die sich für ein solches Journal engagieren wollen? Welche Verantwortlichkeitsrollen wird das Journal kennen, wenn es zu leben und zu publizieren beginnt? Herausgeber, Peers, Editorial Board? Wie werden die Rollen besetzt? Durch Vorschläge und Selbstvorschläge? Wird die Community Vertreter bestimmen, um die genannten Rollen auszufüllen? Womit wir beim nächsten Thema sind …

Reichweite & inhaltlicher Scope

Wer als Verantwortlicher agieren will oder soll, hängt ganz sicher auf vom Scope des Journals ab. Soll das Projekt aber allein die Bibliothekswissenschaft oder auch die Informationswissenschaft behandeln? Wie ist das Verhältnis zum von Prof. Kuhlen angekündigten Journal für die Informationswissenschaft? Bietet es sich vor dem Hintergrund dieser Information nicht an, ein reines Journal für Bibliothekswissenschaft zu planen?  Sollte aus der #newLIS-Debatte eine neue Zeitschrift entstehen, könnte sie ja auch mit dem von Prof. Kuhlen avisierten Journal kooperieren. Was sind die Zielgruppen  des Journals (auf Autoren- und Rezipientenseite): Anwendungsorientierte, theoretisch oder empirisch arbeitende Wissenschaftler und/oder Praktiker? Wie wird sich das Journal von bestehenden Publikationen abgrenzen: Nur durch den Publikationsweg Open Access oder durch inhaltliche Profilierung?

 Organisatorische Anbindung

Wenn das Journal dauerhaft existieren soll, benötigt es meiner Einschätzung nach eine Art Heimat. Welcher Institutionstyp könnte das sein? Ein Berufsverband (ich bin skeptisch), ein eigener Verein (wie bei LIBREAS, allerdings muss dazu die Bereitschaft erst einmal wachsen), eine Hochschule, ein Verbund an Hochschulen?

Qualitätssicherung, Technik, Features, Nachhaltigkeit

Auch wenn ich der Diskussion inhaltlicher Fragen den Vorrang geben würde, müssen auch diese Themen erörtert werden. Nicht zuletzt da die Art der Qualitätssicherung Auswirkungen auf die zu besetzenden Rollen hat, naheliegender Weise braucht man für eine Peer Review Gutachter. Entscheidet man sich für eine Begutachtung, hat dies wohl auch Implikationen für die Wahl der technischen Lösung. Allerdings müsste auch die Frage nach dem Modus (oder den Modi der Qualitätssicherung, man könnte auch mehrere anbieten) beantwortet werden: Sollen Beiträge überhaupt geprüft werden? Wenn ja, in welcher Form: single blind, double blind, triple blind (eine weitgehend unterschätzte Option) oder mittels Open Review? Auch die Beantwortung dieser Fragen hat Auswirkungen auf die zu wählende Technik. Und schließlich stellt sich das unvermeidliche Thema der Nachhaltigkeit: Wie werden die Kosten für den Betrieb des Journals gedeckt? Vielleicht könnte man einen gewissen Betrag über Crowdfunding aufbringen, vorgelagert sollte man sogar die Frage stellen, wie man die Kosten beziffert. Teils wird von sehr geringen Kosten für den Betrieb eines Open Access Journals ausgegangen, so von Peter Suber. Im #newLIS-Wiki wird gar über einen Förderantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG sinniert.

Zu den angeschnittenen Themen finden sich lesenswerte Beiträge im erwähnten #newLIS-Wiki, die einzige nahezu leere Unterseite trägt bedauerlicherweise den Titel „Organisatorisches“, dort steht, gänzlich unkommentiert, die Frage im Raum: „Wie soll es weitergehen?“

Soll ##newLIS, wie Jakob Voß so schön formulierte, kein Buzz bleiben, sondern ein Konzept werden, muss die Community Fragen wie die genannten erörtern – einen Ort dafür bietet das infocamp.

8 Gedanken zu “#newLIS: Wie soll es weitergehen?

  1. In der Tat, wichtig ist (neben den sonstigen technischen, methodischen, organisatorischen und finanziellen Fragen), wer ist “sich”, also wer werden die Personen und Institutionen sein, die ein OA-Journal im weiteren Informationsbereich tragen können/wollen.
    Es wurde darauf hingewiesen, dass ich dabei bin, eine Initiative für ein solches Vorhaben auf den Weg zu bringen. Der Termin für ein dafür sicher notwendiges Treffen der Akteure steht noch nicht ganz fest. Es läuft ein Doodle dafür (wird so Mitte Sepember sein).
    Ich halte es für höchst wünschenswert, nicht zuletzt wegen der thematischen Verwandschaft und der doch überschaubaren Größe des Gebiets, dass nicht gleich mehrere solcher Journale entstehen. Ich plädiere also dringend für ein Publikationsdach für I, B, Archiv, Museum etc..
    Zum andern kann m.E. der Anspruch einer wissenschaftlichen Exzellenz nur dann international auch wahrgenommen werden, wenn das Vorhaben aus der Wissenschaft selbst, den Institutionen/Verbänden und Akteuren/Personen, betrieben wird. Natürlich muss die gesamte Community das mittragen, und jede Initiative aus der “Basis” wird willkommen sein.
    Stichwort “international”: Die jetzigen Planungen zielen darauf ab, zunächst mit dem deutschsprachigen Bereich zu beginnen, aber von Anfang an, die europäische Perspektive im Blick zu haben, z.B.mit dem Effekt, dass jede/r AutorIn neben dem grundsätzlich englischen Text den Artikel in der jweiligen Landessprache unter den gleichen Dach publizieren kann.
    Aber da bin ich schon bei der Gesamtkonzeption. Diese kann ich in den nächsten Tagen auch hier publik machen. Ich warete noch auf ein paar Rückmeldungen.
    Ich hoffe, es gelingt uns, die Kräfte zu bündeln und die Energie für ein solches Vorhaben dauerhaft beizubehalten.
    RK

    • Ich sehe das auch so, wir sollten uns miteinander kurzschließen. Obwohl ich wahrscheinlich nicht Mitte September nach Konstanz kommen kann (das ist leider weit weg, von Hannover aus betrachtet) bin ich daran interessiert, mit Ihnen und Ihren MitstreiterInnen zu diskutieren. Bitte beziehen Sie mich ein (geht ja vielleicht auch per Mail, Skype oder so).
      Kommen Sie (oder ggf. weitere an Ihrem Journal-Gründungsprojekt beteiligten) doch bitte auch einfach zum Infocamp12 nach Chur.

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag und das Aufgreifen meines aufstachelnd gemeinten Tweets. Der Beitrag legt an vielen Punkten den Finger in die offenen Stellen, an denen die Diskussion momentan nicht weiterkommt.

    Ein paar Hinweise noch zur Ergänzung:
    Im Wiki kann man sehen, wer sich derzeit hinter “sich” versteckt (http://newlis.pbworks.com/w/page/54716691/Beteiligte) und jeder kann sich dort eintragen.
    Es gibt auch eine sehr deutliche Tendenz bei der Diskussion zur Themenbreite (http://newlis.pbworks.com/w/page/54718239/Themen), die man im Wiki ebenfalls nachvollziehen kann.

    Herr Prof. Kuhlen, ich gehe mit Ihnen d’accord, wenn Sie sagen, dass in der relativ kleinen Fachgemeinschaft nicht all zu viele Journals eine Chance haben/hätten. Wir sollten uns auf ein gut durchdachtes, thematisch weit gefächertes Journal konzentrieren. Was die Anbindung an eine Institution geht, so wurden in den bisherigen Diskussionen unterschiedliche Meinungen geäußert (http://newlis.pbworks.com/w/page/54750729/Organisationsform). Wert wurde aber vor allem darauf gelegt, dass ein unabhängiges Journal entsteht.

    Bisher hat sich meines Erachtens die Diskussion um eine neue Open-Access-Zeitschrift durch eine sehr hohe Diskussionstransparenz ausgezeichnet. Ich fände es gut, wenn diese erhalten bleibt. Es wäre zudem schade, wenn sich jetzt die Diskussion selbst zu sehr auseinander fächert. Vielleicht können wir bei den bisher offenen Möglichkeiten bleiben.

  3. Zu den angeschnittenen Themen finden sich lesenswerte Beiträge im erwähnten #newLIS-Wiki, die einzige nahezu leere Unterseite trägt bedauerlicherweise den Titel „Organisatorisches“, dort steht, gänzlich unkommentiert, die Frage im Raum: „Wie soll es weitergehen?“

    Einspruch, dort sind zwei Kommentare zu finden. Unter anderem ein Kommentar von mir vom 9. Juli, den ich hier

    Ich gehe davon aus, dass aus dieser Ideensammlung nur ein Journal entstehen kann, wenn sich ein Kern findet, der Verantwortung übernimmt. So wie es Rudolf Mumenthaler für die HTW Chur tat (http://newlis.pbworks.com/w/page/54716691/Beteiligte). Die Frage “Wie soll es weitergehen?” würde ich stark vereinfacht also so beantworten:

    1. Eine Kerngruppe muss sich finden
    2. Sie muss sich darauf einigen, welche der hier vorgestellten [Ideen] übernommen werden können oder sollen.
    3. Dann müsste geprüft werden, wie man mit möglichst wenig Aufwand starten kann.
    4. Los geht’s.

    Ich plädiere für einen unkomplizierten Einstieg mit nicht allzu hohen Anforderungen. Mir reicht – ebenfalls verkürzt gesagt – ein OA-Journal mit weitem Fokus und HTML-Ausgabe. Für alles andere würde ich der Kerngruppe ein Vetorecht einräumen, da sie es letztendlich zu verantworten und umzusetzen hat.

    Zum obigen Vorschlag (“grundsätzlich englischer Text”) von Herrn Kuhlen: Wissenschaftliche Exzellenz und die damit einhergehende Internationalität ist die eine Seite. Was aber auch fehlt, ist ein Forum für den Austausch unter Praktikern. Mich würde es ehrlich gesagt überraschen, wenn die Bibliotheksdienst- und IWP-AutorInnen ihre deutschsprachige Publikationstätigkeit nahtlos auf Englisch fortsetzen würden.

  4. Versuchen Sie es, aber denken Sie auch an sich. Viele von Ihnen arbeiten jetzt schon hauptsächlich “kostenlos”. Es gibt aber auch noch ein Leben nach der Bibliothek und ich sehe hier eine Generation von Bibliothekaren, die in den Burn Out laufen.

  5. Kuhlen: “Die jetzigen Planungen zielen darauf ab, zunächst mit dem deutschsprachigen Bereich zu beginnen, aber von Anfang an, die europäische Perspektive im Blick zu haben, z.B.mit dem Effekt, dass jede/r AutorIn neben dem grundsätzlich englischen Text den Artikel in der jweiligen Landessprache unter den gleichen Dach publizieren kann.” Die Diskussion ist vom “BD” ausgegangen, der ja nichts mit Exzellenz am Hut hat, sondern überwiegend praktisch orientierte Beiträge und Mitteilungen bringt. Der Meinungsaustausch im Wiki ließ erkennen, dass ein in deutscher Sprache publizierendes Organ Konsens ist. Der Zwang zum Englisch wird viele abschrecken (u.a. mich). Selbst wenn man optional nur für wissenschaftliche Forschungsbeiträge eine englische Übersetzung vorsieht, stellt sich zumindest bei den Bereichen außerhalb der akademischen Informationswissenschaft, die bereits auf Englisch publiziert, die Frage, wer die Übersetzung finanzieren soll. Der Autor? Das wird dann auch viele abschrecken. Die Zeitschrift? Das würde von Anfang an einen hohen Kostenfaktor in die Finanzierung einführen. Ich bin auch aus kulturpolitischen Gründen dagegen, Englisch zur alleinigen Wissenschaftssprache zu machen.

  6. Die bisherige Diskussion im Blog ist zwar sehr anregend, beweist meiner Meinung nach aber auch den Abstimmungsbedarf, egal wie viele Journale in der Planung sein mögen. Symptomatisch finde ich Sprachen-Frage, die in meiner Wahrnehmung nach darauf verweist, dass es mindestens zwei Ansätze gibt: a) den Bibliotheksdienst-Ersatz, der den BibliothekspraktikerInnen als Forum dienen soll, die sich oft mit Themen befassen, deren internationale Transzendierung ihnen nicht notwendig erscheint und b) den Ansatz einer klar international ausgerichteten, stark wissenschaftlichen Zeitschrift, die sich vorrangig mit der Informationswissenschaft befasst (sprich: eine Art aufpolierte IWP). Ich verstehe beide Perspektiven und finde, dass beide mit voller Berechtigung vertreten werden können. Man müsste zusehen, wie man sie unter einen Hut bringen kann, möglich wären vielleicht unterschiedliche Sektionen/Rubriken in einem Journal, die je rein landessprachliche Artikel und Mehrfachversionen in unterschiedlichen Sprachen kennen. Ich kann Klaus Graf gut verstehen, ein in angemessenem Englisch verfasster Artikel kostet Zeit und ggf. Geld und ich würde den Sinn einer englischen Version bei Themen mit sehr lokaler Relevanz auch nicht immer sehen, andererseits kann ich Herrn Kuhlen auch nicht recht widersprechen. Bekanntermaßen sehe ich Zitationen nichts als goldenes Kalb der Impactbewertung an, aber ich will die Relevanz der Sprache für Publikationen an einem eigenen Beispiel darstellen: 2007 erschien mein Artikel “Open Access: Soziologische Aspekte” in der IWP, nach GoogleScholar entfallen darauf 3 Zitationen (davon eine Selbstzitierung durch mich), 2010 erschien eine nahezu identische Version des Textes in englischer Sprache in First Monday mit dem Titel “Sociological implications of scientific publishing: Open access, science, society, democracy and the digital divide”. Obwohl die First Monday Version wesentlich weniger Zeit hatte zitiert zu werden, referenzierten bislang 11 Werke darauf. Ziehe ich auch hier die Selbstzitationen (2) ab, liegt die englischsprachige Variante immer noch deutlich vorn mit 9-2 Zitationen. Andere englischsprachige Artikel, die ich ebenfalls im Jahr 2010 publizierte, erhielten wesentlich weniger Zitationen, das liegt zwar bestimmt vorrangig am Thema, allerdings wohl auch an der Mühe, die ich mir beim Verfassen des First Monday Artikels machte: Den ließ ich von einer professionellen Übersetzerin korrigieren, womit Klaus Grafs Aufwandsthematik wieder virulent wird. Vielleicht wären ja die beschriebene Verwendung unterschiedlicher Sprachvorgaben für unterschiedliche Kategorien eine Lösung. Ich sehe gute Argumente für beide Linien.

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